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Keine Schrift der christlichen Weltliteratur kommt in Wirkung und Bekanntheit der Apokalypse gleich. Schon im Mittelalter wurden die Texte der „Offenbarung des Johannes" in zahlreichen Bilderhandschriften verbreitet. In den frühen Illustrationen sind die Bibeltexte naiv und ehrfürchtig, nach dem Wortverstand versinnbildlicht.
Erst Albrecht Dürer bezog in seinem 1498 erschienenen, 15 Blätter umfassenden Holzschnittzyklus die sozialen und religiösen Auseinandersetzungen seiner Zeit - der Reformationszeit - in die thematische Konzeption und bildliche Umsetzung des Bibeltextes ein. Seine „Vier apokalyptischen Reiter" sind hierfür fast ein Musterbeispiel - und sie
wirkten als Bildmotiv über die Jahrhunderte bis in die Neuzeit.
Bereits seit Jahren setzt sich Herbert Franz mit den auch unsere Zeit beeindruckenden visionären und spirituellen Texten der “Offenbarung des Johannes" auseinander. 2006 ist die Arbeit an den sieben Tafeln „Die Öffnung der sieben Siegel" weitgehend abgeschlossen.
Es ist sein bisher opulentester Bildzyklus.
Die Suggestivkraft der Bildsprache steht der Wortgewalt der Texte in nichts nach.
Die Ausdruckskraft seiner Imaginationen erwächst aus dem schon fast verzweifelten Bemühen um die Anschaulichkeit des Unmöglichen. Dabei setzt er das Ganze, ihm zur Verfügung stehende formalästhetische Instrumentarium ein, um die furiosen Welt- gerichtsszenen in dieser Bannkraft zu imaginieren.
Auf dem bräunlichen Grundton des Papiers gewinnt das jetzt als Farbe eingesetzte Weiß einen magisch fluoreszierenden Charakter und schafft das Alptraumhaft-Visionäre seiner Bilder. Durch die für seine Malweise typischen Pinselstrukturen werden die malerisch breit angelegten Farbflächen unruhvoll, beunruhigend aufgebrochen und fixierte Erscheinungen prozesshaft aufgelöst. Farbakkorde, intensiver als in seinen bisherige Arbeiten, steigern
die erregende und ergreifende Emotionalität der Szenarien, und haben zugleich eine symbolische Bedeutung.
Verblüffend ist, dass die großzügig, lapidar komprimierende Malerei durch subtile, zarte mit der Feder gezeichnete Detailbeobachtungen angereichert wird, scheinbar irritierend, aber Herbert Franz schafft damit überzeugende und überleitende Verbindungen von der packenden Fernwirkung dieser großformatigen Tafeln zu einer angereicherten Nahsicht, die den Betrachter immer wieder aufs Neue herausfordert.
  
Herbert Franz geht bei einer jeden Bildlösung vom Urtext aus und es gelingt ihm diesen, über seine sehr persönlichen, zeitreflektierenden Intentionen in Bildvorstellungen von
einer bestürzenden Nachhaltigkeit umzusetzen.
Mit der Öffnung des vierten Siegels verkündet die Stimme: „Da sah ich hin und erblickte ein fahles Ross und der auf ihm sitzende Reiter der hieß der Tod und das Totenreich bildete sein Gefolge.”
Die Kunstgeschichte kennt viele Todesdarstellungen, doch Herbert Franz erschafft eine erschütternde und nachdenkenswerte neue Variante: Seine Verkörperung des Todes ist seltsam inaktiv. Jenes in den Proportionen überdehnte Gerippe hockt erschlafft mit resignierend abgewinkelten Armen auf dem ebenfalls müde sich neigenden Ross, unter ihnen wie ein unendlich sich ausbreitendes Kopf-Stein-Pflaster das Gefolge des Totenreiches. Mit der kompositionell gewählten aggressiven Raumdynamik lässt der Künstler diese suggestive Todesvision auf den Betrachter zukommen, unausweichlich.
Neben dem Tod ein menschliches Gesicht mit zwei Hörnern am Hinterkopf: Es ist der Teufel, aber er erscheint nicht als unbegreiflicher Dämon - es ist der Bruder Mensch der den Tod steuert.
Schwierig, auch im Kontext zu den anderen Prophetien sind die Worte des dritten Siegels
zu verstehen und bildhaft umzusetzen: Mitten im Pandämonium der Vernichtung, wird die Forderung erhoben, zu bewahren, was für das Leben notwendig ist: „Ein Speisemaß Weizen... und drei Speisemaß Gerste; doch dem Öl und dem Wein darfst du keinen Schaden zufügen." Öl, Brot und Wein waren in biblischer Zeit die Hauptnahrungsmittel,
aber Wein und Öl hatten darüberhinaus noch eine kultische, sakrale Bedeutung.
Herbert Franz stellt die Symbole des materiellen und spirituellen Lebens im Sinne mittelalterlicher Bedeutungsperspektive dar. Bildbeherrschend der Kelch übervoll, überlaufend der rote Wein, daneben großzügig und ergänzend kleinteilig Ähren, zart gezeichnete Ölzweige und eine das Ganze bewachende menschliche Physiognomie. |