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Der bildmächtige biblische Bericht über die "Zehn Plagen Ägyptens" gehört zum Exodus-Geschehen. Sie werden von Gott als ein gewaltiges Strafgericht über das Land Ägypten verhängt, um den Pharao zu zwingen, das Volk der Israeliten ziehen zu lassen.
Herbert Franz wahrt bei diesem Zyklus den direkten Bezug zu den biblischen Texten und setzt jene wortgewaltig beschriebenen, Leben vernichtenden Strafaktionen Gottes in ausdrucksstarke Bildvisionen um, schafft Bildvisionen von Naturkatastrophen, wie sie auch heute noch stattfinden.
Kompositionell entscheidet er sich für die Form des Tryptichons.
Eine jede der zehn Tafeln ist in gleicher Weise in drei schmale Hochformate unterteilt. Das ist ein strenges Rastersystem, das formal die Zusammengehörigkeit der zyklischen Abfolge betont, gedanklich die Erzählmöglichkeiten erweitert.
Auf der Mitteltafel dominiert, künstlerisch verdichtet, das schreckliche Geschehen, das mit jeder Plage über die Menschheit hereinbricht, und wird auf den Seitentafeln formal und assoziativ variiert: Thema con variatione.
Wieder müssen eine Fülle von optischen Einfällen und Bildideen gebändigt, verbunden und artikuliert werden. Wieder ist die Zeichnung gedanklicher und formal-ästhetischer Bedeutungsträger jenes Beziehungsgefüges von einem sensibel die Form umtastenden Lineaments und erruptiv einbrechenden Schwarzformen. Aber bei dieser Bildfolge wird die Wirkung der Schwarz-Weiß-Zeichnung gesteigert durch eine farbige Imprimatur.
Ein coloristischer Grundakkord wiederholt sich in allen zehn Tafeln, in der Intensität vorsichtig differenziert. Den Grundakkord bestimmt die Darstellung der Ersten Plage "Die Gewässer werden zu Blut". Den Weisungen Gottes folgend befahl Mose seinem Bruder Aaron mit dem Stab auf das Wasser im Nil zu schlagen "dann wird es sich in Blut verwandeln. "
Die Fische im Strom werden sämtlich sterben und der Strom wird stinkend werden, so dass die Ägypter vor Ekel kein Wasser mehr aus dem Strom trinken.”
Im linken Bildfeld ist eine Figurengruppe und die formal, explosionsartige Auslösung der Katastrophe zu erkennen. Rechts breitet sich bereits das dumpfige Wasser aus und drängt die Verursacher an den Rand. Im Zentrum die sich blutig färbenden Wasser des Nil in einer Totenstille assoziierenden Leere, durchzuckt von einem zerstörenden, brutalen schwarzen Formgebilde.
Das Bildzentrum in einem fahlen Rotton und die beiden Seitentafeln in einem hellen, in seiner Reinheit gebrochenem Blau, aufgebrochen durch rote Zeichnungselemente. In dem Maße wie sich die Dramatik der dargestellten Geschehnisse verändert variiert die Intensität der Farbwerte.
Wenn mit der Neunten Plage eine "Dreitägige Finsternis" über das Land hereinbricht, verdunkelt sich das Szenarium. Im Gegensatz zu dem transparent erscheinenden Nilwasser ist die sich bildfüllend und lastend ausbreitende Erde von einem schweren dunklem Rot, gezeichnet von den Schatten der Dunkelheit, die auf den beiden Seitentafeln in radial angeordneten schwarzen Strahlen vom Himmel hereinbricht -
eine geniale Bildidee: die hellen Strahlen des Lichtes in die nachtschwarzen Strahlen der Dunkelheit zu verkehren.

Plage um Plage setzt Herbert Franz in nachvollziehbare, ja nacherlebbare, außergewöhnlich beeindruckende Bildlösungen um, alptraumhaft die Urängste der Menschen unserer Tage tangierend.
Aus Prophetie und Imagination wird die Vision einer möglichen realen Bedrohung in einer bestürzenden Unausweichlichkeit. Der Verkündigung der zweiten Plage entsprechend drängen aus allen Gewässern Ägyptens Unmengen von Fröschen an Land, unaufhaltsam dringen sie bis in den Palast des Pharao vor und verenden in den Häusern und Gehöften der Menschen.
Herbert Franz konzentriert sich auf die Invasion dieser quakend aufgeblasenen und aufgedunsenen verendenden Froschleiber, die die Bildräume verstopfen und herauszuquellen drohen. Die Gestalt und Erscheinungsform der Tiere, die massenhaft über das Land hereinbrechen und Verderben bringen, bestimmen das Formklima der jeweiligen Bildtafeln.
Dem Weichen, knochenlos Quellenden der Frösche folgt das Spitze, spitzwinklig Aggressive der Stechmücken und Heuschrecken.
In einer ungeheueren Tragik beendet der Künstler mit der Darstellung der letzten, zehnten Plage jene Folge der Katastrophen. Mit dem Sterben der Erstgeburt scheint endgültig alles Leben auf Erden ausgelöscht.
Die Mitteltafel ist einem einzigen menschlichen Wesen vorbehalten, in seiner Kläglichkeit an einen Fötus erinnernd, die beiden Seitentafeln raumlos von der unteren bis zur oberen Bildkante angefüllt mit sorgsam nebeneinander aufgeschichteten Leichnamen, durchgestrichen, ausgelöscht.
Wir werden konfrontiert mit dem gewaltsamen Massenmord- Sinnzeichen eines apokalyptischen Endzeittraumas, einer Realität, die auch nach Auschwitz und Hiroshima noch existent ist. |